Project Proprious – die Hintergründe

Wie im ersten Blogbeitrag geschrieben, habe ich das Projekt Proprious im Schnellzugstempo durchgearbeitet und konnte pünktlich auf die Verabschiedung meiner Krücken mit der Umsetzung im Stall beginnen.

Bevor ich euch jedoch mehr zur Praxis erzähle, möchte ich noch einmal genauer auf den Hintergrund eingehen.

Intrinzen basiert auf den neuesten Erkenntnissen der Humanphysio und der Schmerzforschung. Danach geht man davon aus, dass Schmerzen nicht von konkret messbaren Stimuli kommen. Viel mehr meldet das Gehirn eine potenzielle Verletzungsgefahr und lässt dadurch in dem gefährdeten Bereich ein Schmerz entstehen. Somit schützt der Kopf den Körper vor möglichen Verletzungen. Ob diese Verletzungen wirklich eintreten oder eingetreten sind, ist dem Kopf dabei völlig schnuppe. Wenn ich also mit meinem frisch geheilten Bein über Felsen klettere und Schmerzen verspüre ist dies nicht zwingend weil ich mich erneut verletzt habe, sondern viel wahrscheinlicher ist, dass mein Kopf die Kletterei als potenzielle Gefahr wahrnimmt und einen Schmerz ins Bein sendet, damit ich nicht weiterklettere und somit die Verletzungsgefahr minimiere.

Doch der Schmerz ist nur die Spitze des Eisberges. Oftmals platziert unser Gehirn sogenannte „Handbremsen“ im Körper, um uns vor Verletzungen zu schützen. Somit sind gewisse Bewegungen einfach nicht möglich, auch wenn wir sie rein physiologisch ausführen könnten. Doch die „Handbremse“ verhindert die Ausführung.

Dazu ein kleines Beispiel: Seid ihr schon einmal über einen gefrorenen See gegangen? Auch wenn ihr gute, rutschfeste Schuhe anhabt und genau wisst, dass das Eis hält, meldet der Kopf ein ungutes Gefühl. Wir gehen wie auf Eiern, steif, wenig dynamisch und angespannt. Dies ist genau solch eine „Handbremse“, welche in diesem Moment getriggert wird. Der Kopf weiss aus jahrtausendlanger Erfahrung, dass Eis gefährlich sein kann, man kann einbrechen und sich verletzen oder sogar sterben. Das ist in unserem Erfahrungsschatz so abgespeichert. Durch die modernen Hilfsmittel (Eisdeckenmessung, gute Schuhe, etc.), wissen wir jedoch mehr als unser Jahrtausendgedächtnis. Und trotzdem beschützt unser Gehirn den Körper, indem er Muskeln anspannt, Bewegungen verkürzt oder teilweise sogar verunmöglicht (Blockaden).

Wie können wir nun aber über diese mentalen Beschützerinstinkte hinwegkommen? Bislang habe ich immer weiter daran gearbeitet, bin immer wieder an die Blockade herangegangen und habe gehofft, dass mit dem fortschreitenden Training die Blockade gelöst wird. Doch inzwischen weiss ich, dass dies genau das Gegenteil zur Folge hat. Der Körper wird in seiner „Bremsfunktion“ bestärkt und lässt diese sicher nicht los, nur weil ich immer wieder daran herumgebastelt habe. Natürlich, Muskeln können sich durch das Training aufbauen, wodurch im besten Fall ein vergrösserter Bewegungsradius entsteht und eine Übung irgendwann leichter auszuführen ist. Doch nur indem wir unseren Körper an möglichst viele verschiedene Situationen gewöhnen, erweitern wir die Körpererfahrung. Wir lassen unser Nervensystem viele verschiedene Untergründe erfahren, wodurch der Körper sich besser kennenlernt und dadurch dann auch neue Situationen besser einschätzen kann. Geben wir unserem Körper dann noch ein Bewegungsziel, auf welches er sich konzentrieren kann, werden die Bewegungsblockaden noch leichter gelöst (vgl Constraints-Led Approach, CLA). Würden wir uns nämlich tanzend übers Eis bewegen oder freudvoll ein Fang-Spiel mit den Liebsten spielen, wären unsere Ängste schnell vergessen und die „Handbremsen“ lösen sich.

Genauso ist es beim Pferd. Unsere „Flachlandpferde“, welche auf mehrheitlich flachen bis hügeligen Fohlenweiden aufwachsen, in schön ebenen Ställen stehen, gepflasterte Ausläufe haben und im Gelände auf Kieswegen, Strassen oder auf dem geebneten Sandplatz unterwegs sind, haben wenig porpriozeptiven Input. Das Nervensystem muss sich nicht immer wieder auf herausfordernde Untergründe einstellen. Der Körper kennt nur einen begrenzten Bewegungsspielraum. Somit kommt es sehr schnell zu „Handbremsen“, mit denen der Pferdekopf seinen Körper schützt. Das sind dann oftmals unsere „faulen Bewegungsmuffel“. Pferde, welche mit so vielen angezogenen „Handbremsen“ durchs Leben gehen, dass sie nicht in der Lage sind, ihre vollen Bewegungsmöglichkeiten, welche sie von Geburt aus mitbekommen hätten, auszuschöpfen. Auch ich habe so ein Pony im Stall. Ein Pony, dass kaum Bewegungsexploration zulässt, ein Pony, welches wenig herumrennt, ein Pony dass ich schon so oft als „faul“ betitelt habe. Zu Unrecht, wie ich nun weiss... Von meiner ganz persönlichen Erfahrung mit Intrinzen berichte ich jedoch ein anderes Mal.

Durch die Veränderung der Umgebung können einfache Bewegungsabläufe ganz neue Nervenverknüpfungen stimulieren und somit wiederum „Handbremsen“ lösen. Beim Intrinzen-Training arbeitet man nur sehr begrenzt mit spezifischen Lektionen, sondern moduliert die Umgebung, um dem Pferd zu helfen, sich selbst zu trainieren. Denn wie im ersten Post gesagt, eine Bewegung ist nur dann nachhaltig, wenn sie aus freien Stücken und mit einem Zweck für den Körper und den Kopf durchgeführt wird. Geben wir den Pferden also ein Ziel, in einer optimalen Umgebung und sehen, was das Pferd selbstbestimmt daraus macht! 

 

Gerade introvertierte Pferde neigen zu vielen „Handbremsen“, da sie auch vom Wesen her eher vorsichtig sind und der Mensch bei solchen Pferden oft nicht merkt, wie sensibel diese Tiere sind. Da zähle ich mich auch dazu. Ich habe ein introvertiertes Pony, welches auch nun, in der Exploration der Freiheit oft noch Mühe hat, sich auszudrücken (ich hingegen habe noch Mühe, die Ausdrücke auf- und anzunehmen). Aufgrund der vielen Handbremsen, wie auch wegen ihrem Wesen, welches es ihr wohl noch mehr erschwert, zu zeigen, wenn etwas nicht geht.